Feministische Rede zum Prozess

Dieser Redebeitrag wurde gemeinsam von zwei angeklagten Antifaschistinnen verfasst.
In einer Welt zu leben, in der Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben ertrinken, in der Menschen aufgrund eines falschen Passes gejagt werden, in der Menschen in Kategorien und Normen gedrückt werden, in der einige wenige im völligen Überfluss leben, während andere für diesen Wohlstand ausgebeutet werden, in der Trans-, Inter-, non-binäre Personen und Frauen jeden Tag die tief verankerten sexistischen Strukturen spüren – in dieser Welt zu leben, hat uns zu Anarchist*innen gemacht. Wir sind beide in den baselnazifrei Prozessen angeklagt. Wie über 30 weitere Antifaschisten, die sich gegen Rechtsextremismus organisieren und kämpfen, sehen auch wir uns staatlicher Repression gegenüber. 

Während wir TINF Personen täglich mit patriarchaler Gewalt konfrontiert sind, zeigt sich diese für uns auch im Rahmen des Justizapparates. Diese geht über 400 Jahre zurück. Die Gründung der ersten Haftanstalten für TINF Personen fand in Spanien im 17. Jahrhundert statt. Diese Anstalten waren zunächst für Sexarbeiterinnen, armutsbetroffene TINF Personen und Dienstangestellte, die ihrer Arbeit nicht nachkamen, gedacht. Doch auch die, die ohne Ehemann lebten, wurden eingesperrt. Die verfolgten, eingesperrten und getöteten TINF Personen waren, wie so oft im Laufe der Geschichte, die emanzipierten, die für ihr unkonventionelles Leben bezahlen mussten. Auch heute, über 400 Jahre später, werden wir von der Justizbehörde pathologisiert: Der Staat und die Gesellschaft skandalisieren auf sexistische Weise, wenn TINF Personen gegen ihre Regeln verstossen, vor allen Dingen, wenn dabei besondere Positionen eingenommen werden, die sonst für gewöhnlich nur Männer besetzen. Wir werden entweder als naive Wesen dargestellt, die einfach zur falschen Zeit am falschen Ort waren, oder zu Rädelsführer*innen gemacht und als besonders durchtrieben bezeichnet. Anders ist es für den Staat wohl nicht erklärbar, dass wir uns radikal gegen bestehende Verhältnisse wehren! Und das tun wir – wir kämpfen für eine Welt frei von jeglicher Herrschaft, für einen Feminismus, der gegen jede Unterdrückung kämpft. Wir richten unsere Forderungen weder an einen Staat noch an irgendwelche Repräsentant*innen. Wir kämpfen gemeinsam, Schulter an Schulter, ohne Anführer*innen und Autoritäten. Für einen revolutionären und antifaschistischen Queerfeminismus! Feuer und Flamme dem Patriarchat.
geändert am: 06.02.2021